(ungehaltene) Gedenkrede zum 20. Juli 2018


Jakob Knab (Kaufbeuren, 20. Juli 2018)

(ungehaltene) Gedenkrede zum 20. Juli 2018


(Anrede)
Wir alle leben in Raum und Zeit. Doch die Zeit vergeht. Wir können uns der Geschichte nur über den Ort annähern. Erst kürzlich stand ich auf dem Friedhof in München-Untermenzing am Grab von Josef Felder, der im März 1933 gegen das „Ermächtigungsgesetz“ gestimmt hatte.
An seinem Grab gingen mir auch die jüngsten Umfrageergebnisse zu SPD und AfD in Sachsen und Sachsen-Anhalt durch den Kopf…

Der Schriftsteller Reinhold Schneider[1], der in der unmittelbaren Nachkriegszeit als das »Gewissen der Nation« galt, kam 1947 in seinem »Gedenkwort zum 20. Juli« zu dieser Einsicht: „Über dem Gewissen ist keine Macht des Menschen, keine Pflicht: wird es nicht gehört, so erkrankt alles Leben, und der Feind des Menschen erlangt Gewalt. (…) Wird die Macht nicht von Menschen guten Willens behauptet, so fällt sie dem Bösen zu.“[2] Es gehört auch zu den Aufgaben der Widerstandsforschung, über die Wirklichkeit des Bösen in der Geschichte, über Gewalt, Unterdrückung und Vernichtung nachzudenken sowie auf der anderen Seite die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu benennen, um eine gerechte Ordnung aufzubauen und um die Freiheit des Individuums zu sichern. Diese Erinnerungskultur ist unverzichtbar. Denn nur wenn Geschichte gedeutet wird, gewinnt sie für uns auch existenzielle Bedeutung. Nur wer die eigene Identität als Ergebnis vorausgegangener Entwicklung kennt und richtig auslegen kann, wird die Gegenwart verantwortungsvoll gestalten sowie der Zukunft unverzagt entgegengeh‘n.
Vor vielen Jahren – es war im April 1994 – verfassten drei mündige Bürger aus Kaufbeuren[3] den Aufruf „Erinnern lehrt vorbeugen“. Es ging seinerzeit um den früheren Landrat Rudolf Vollrath, der als ehemaliger Gefolgsmann seines „Führers“ auf der Verlobungsfeier „Nieder mit Hitler!“ ausgerufen hatte. Er wurde verraten, zum Tode verurteilt und im Mai 1944 hingerichtet.
Es bleibt ein geschichtspolitischer Anspruch, durch eine Kultur des Eingedenkens unserer Geschichte und unserer Gesellschaft eine humane Orientierung abzuringen. Unser Mit-Leiden – compassion im Sinne von Willy Brandt – gilt den gegenwärtig Leidenden und den Opfern der Geschichte. Freilich: Es steht nicht in unserer Macht, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Im Frühjahr 1937 führten der jüdische Kulturphilosoph Walter Benjamin sowie Max Horkheimer, der Vertreter der kritischen Theorie, einen Streit über Erinnern und Gedenken. Gegen Benjamins überschwängliche Hoffnung auf die wiedergutmachende Kraft humanen Eingedenkens kam Horkheimer zu dieser heillosen Einsicht: „Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen.“
Hierher gehört auch diese zutiefst bewegende Einsicht Max Horkheimers
„Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not,
dass die Gebete der Unschuldigen,
die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen,
dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz
kein Ziel erreichen
und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt,
 auch von keinem göttlichen durchdrungen wird,
dieser Gedanke ist ungeheuerlich.“

Als im Oktober 2001 dem „Philosophen der Bundesrepublik“ Jürgen Habermas in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, knüpfte er in seiner Dankesrede auch an die bereits erwähnte Kontroverse Walter Benjamin – Max Horkheimer an:
„Erst recht beunruhigt uns
die Unumkehrbarkeit vergangenen Leidens –
jenes Unrecht an den unschuldig
Misshandelten, Entwürdigten und Ermordeten,
das über jedes Maß menschenmöglicher
Wiedergutmachung hinausgeht.“

Für die große jüdische Gelehrte Hannah Arendt lautete die einfache  Lehre aus Geschichte, dass unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht... Einige aber nicht! Damit knüpfte sie an das biblische Motiv von den Zehn Gerechten an, denn diese Gerechten sind Leuchttürme einer humanen Orientierung. Jede Generation braucht eine schöpferische Minderheit, die den Weg weist, damit unser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können.

Der Gedenkstein, um den wir uns versammelt haben, trägt die Inschrift
ZUR ERINNERUNG AN DAS KRIEGSENDE 8. Mai 1945
(er wurde 50 Jahre später, am 8. Mai 1995, eingeweiht)
Das Datum 8. Mai 1945 ist nicht zu trennen vom Datum 20. Juli 1944.
Ich gehe davon aus, dass Sie alle den Film „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ gesehen haben. Somit muss ich die Ereignisse vom 20. Juli 1944 nicht schildern. Hitler überlebte den Anschlag: die große Zahl der Verschwörer wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.[4]  
Hier ein Auszug aus Stauffenbergs geplantem Aufruf:
„In diesem Kriege haben Machtrausch, Selbstüberheblichkeit und Eroberungswahn ihren letzten Ausdruck gefunden.
Tapferkeit und Hingabe unserer Soldaten
sind schmählich mißbraucht.   (...)
Unser Ziel ist die wahre, auf Achtung, Hilfsbereitschaft und
soziale Gerechtigkeit gegründete Gemeinschaft des Volkes.“

Um die Deutung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wurde in der jungen Bundesrepublik lange Zeit heftig gekämpft. Strittig war nicht nur, wer gewürdigt werden sollte. Gerade in den ersten Jahren des westdeutschen Teilstaates wurde auch grundsätzlich in Frage gestellt, ob Widerstand überhaupt positiv zu bewerten sei oder ob es sich bei den Widerstandskämpfern nicht um Verräter an der „Volksgemeinschaft“ und am Vaterland handele. Der damalige BMVg FJS setzte im Oberallgäu ein geschichtspolitisches Zeichen, als im Herbst 1956 die ehemalige NS-Ordensburg Sonthofen nach dem Widerstandskämpfer Generaloberst Ludwig Beck benannt wurde.[5]
Hier bei uns im Allgäu ist Alfred Kranzfelder, der aus Kempten stammt,
d i e   Symbolfigur für den gescheiterten Staatsstreich vom 20. Juli 1944.
Als Mitverschwörer Stauffenbergs wurde er verhaftet, zwei Wochen später vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 10. August 1944 in Berlin-Plötzensee ermordet. Hitler beschimpfte die Verschwörer des 20. Juli 1944 als „feige Landesverräter“. –  „Ich will, daß sie erhängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh“, so lautete die Anweisung des „Führers“. Auf dessen Befehl hin mussten die Filmkameras ohne Unterbrechung surren, als das Leben dieser edlen und mutigen Menschen am Fleischerhaken endete. Hitler konnte sich  noch am selben Abend in der Reichskanzlei an dem bösen Schauspiel ergötzen.
1964 wurde der Hafen in Eckernförde nach Kranzfelder benannt. Über 40 Jahre später (!) wurde er auch in seiner Heimatstadt öffentlich geehrt.
Auf der Gedenktafel seines ehemaligen Humanistischen Gymnasiums heißt es: „Sein Einsatz und sein Opfer sind uns Vorbild und Mahnung.“
In seiner Heimatstadt Kempten wurde auch eine Straße nach ihm benannt. Aber neben der Kranzfelder- gibt es in Kempten auch eine Knussertstraße! NS-Apologet Knussert (es gilt das gesprochene Wort….)
Der Kemptener Knussert (1907-1966) und der Kaufbeurer Kurat Frank (1867-1942) waren als Allgäuer Heimatforscher völkische Weggefährten. Den Widerstand im Dritten Reich lehnte der ehemalige Gaukulturwart Knussert durchweg ab.[6] Ich zitiere hier eine Überschrift aus der SZ vom 13. Juli: Stadt [Kempten] verteidigt Heimatforscher mit Nazi-Begeisterung
Hier ein geschichtspolitischer Lichtblick: Die Kurat-Frank-Straße Kaufbeuren wurde im Stadtrat einstimmig und einmütig umbenannt!
Ich komme zum Schluss. Ich komme zurück auf die große jüdische Gelehrte Hannah Arendt, die diese Lehren aus der Geschichte zog:
Unter den Bedingungen des Terrors
werden die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht...
Einige aber nicht!
Denn jede Generation braucht Leuchttürme einer humanen Orientierung, die den Weg weisen, damit unser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können.
Ich danke Ihnen!




[1] Reinhold Schneider (1903 – 1958) war ein deutscher Schriftsteller. 1938 erschien seine Szenenfolge Las Casas vor Karl V, in welcher Unterdrückung, Rassenwahn und falsch verstandene Religiosität angeprangert werden. In dem Jahrzehnt nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft appellierte er an seine Landsleute, nicht schon wieder mit der Aufrüstung zu beginnen, sondern mit friedlichen Mitteln auf die Wiedervereinigung Deutschlands hinzuarbeiten
[2] Reinhold Schneider, Gedenkwort zum 20. Juli, Freiburg i. Breisgau 1947, S. 19f.
[3] Ihre Namen: Dr. Thomas Melcher, Peter Brosche und Jakob Knab.
[4] „In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte der Völker hervorgebracht wurde. Diese Männer kämpften ohne Hilfe von innen oder außen, einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens - ihre Taten und Opfer sind das Fundament eines neuen Aufbaus.“ (Winston Churchill)
[5] Am 20. Juli 1961 – unter Minister Franz Josef Strauß – wurden fünf Kasernen der Bundeswehr nach Widerstandskämpfern benannt:  Delp (Donauwörth), Leber (Husum),  Rommel (Augustdorf), Stauffenberg (Sigmaringen) und Tresckow (Oldenburg).  – Minister Franz Josef Strauß (CSU) hatte eine Benennung von Kasernen nach Helden und Heerführern von Hitlers Wehrmacht durchgängig verhindert.
[6] Wenn uns noch 20 Jahre zu leben vergönnt sind, werden wir gewaltige,  politisch forcierte Kämpfe um ein Geschichtsbild erleben, das eine möglichst unbefleckte deutsche Vergangenheit zeigen will. –  „Inzwischen freilich ist auch das tiefsitzende Bedürfnis zu beobachten, die erinnerungspolitisch komfortable Position des Opfers zurückzuerlangen. Seit einiger Zeit bemüht man sich etwa, den Zweiten Weltkrieg umzuerzählen oder einzelne Etappen herauszugreifen. Die Konzentration auf den Bombenkrieg zwischen 1943 und 1945, als Deutschland verstärkt zum Ziel alliierter Bomberflotten wurde, ist ein solches Verfahren der Umerzählung.“ (Herfried Münkler)


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